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Autor Betreff: Aktuelles Buch
tommyknocker
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Motto: Lie upon lie, Mankind shall die

[*] Verfasst am: 4-3-2012 um 15:21


Johann Wolfgang von Goethe - Die Leiden des jungen Werther

(Mal wieder... ich liebe es)





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Motto: Lie upon lie, Mankind shall die

[*] Verfasst am: 12-3-2012 um 20:52


Hermann Hesse - Gertrud




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Motto: Why so serious?

[*] Verfasst am: 15-3-2012 um 11:42


Irvin D. Yalom - Die Schopenhauer-Kur

Der Psychoanalytiker Julius Hertzfeldt erhält eine vernichtende Diagnose: Hautkrebs, unheilbar, ca. 1 Jahr restliche Lebenserwartung. Vor diesem Hintergrund stellt er sich die Fragen: Was habe ich in meinem Leben erreicht? War meine Arbeit als Psychotherapeut bedeutungsvoll? Man könnte auch sagen, er versucht nun, sein Leben im Angesicht des Todes zu rechtfertigen (Sartre dreht sich im Grab um). Dabei stößt er auf einen Jahrzehnte zurückliegenden Fall, den an Sexsucht erkrankten Philip Slate. Diesen hatte Hertzfeld seinerzeit über drei Jahre lang behandelt - vollkommen ergebnislos. Als es Hertzfeld gelingt, Kontakt zu seinem damaligen Patienten aufzunehmen, macht er eine erstaunliche Entdeckung: Slate behauptet, sich selbst geheilt zu haben, und zwar mit Hilfe der Lektüre von Arthur Schopenhauer. Er, der gelernte Chemiker, arbeitet inzwischen sogar als eine Art philosophischer Berater, aber er will noch mehr: eine Lizenz als ausgewiesener Therapeut. Dazu benötigt er einen Supervisor. Hertzfeld ist fassungslos, denn sein ehemaliger Patient ist noch derselbe arrogante, ichbezogene, skrupellose Mann wie früher. Schließlich sagt er aber doch zu – unter einer Bedingung: Slate muss im Gegenzug (und dies gilt dann als Supervision und ist damit die Eintrittskarte in ein Leben als seriöser Therapeut - gesegnet sei das Land der unbegrenzten Möglichkeiten!) seine Therapiegruppe besuchen ...

Man dürfte schon an meiner Kurzzusammenfassung des Inhalts merken, dass ich dem Roman - stark untertrieben ausgedrückt - reserviert gegenüberstehe. Und das hat in der Hauptsache zwei Gründe.
Aber vorweg sei gesagt, dass Yalom sich sprachlich auf hohem Niveau bewegt. Der Gebrauch von Stilmitteln wie Ironie, Metapher und Allegorie kann sich durchaus sehen lassen. Auch die parallel zur Haupthandlung erzählte Kurzbiographie Schopenhauers lässt sich durchaus lesen und versammelt die wichtigsten Stationen im Leben des Philosophen. Allerdings ohne dass jemals so wirklich klar wird, was das Ganze eigentlich soll. Slate heilt sich schließlich durch die Lektüre von Schopenhauers Werken, nicht durch die Kenntnis seiner Biografie. Aber egal, denn nett erzählt ist sie trotzdem.
Nun zu meinen zwei Gründen:
1. Klar ist, dass Yalom in seinem Roman die Gruppen-/Gesprächstherapie als ernsthaftes Heilmittel gegen psychische Erkrankungen propagieren möchte. Am Schluss gilt: Therapeut tot (welch ein Held!), "Patienten" "geheilt". Die Anführungszeichen sind hier von besonderer Bedeutung! Denn - und das ist das Problem - von allen Gruppenteilnehmern hat keiner eine ernsthafte psychische Erkrankung! Ein paar Beziehungsprobleme hier, ein bisschen Abneigung gegen Männer da, ein paar Minderwertigkeitsgefühle dort ... Ich möchte damit nicht sagen, dass es fruchtlos wäre, über solche Dinge zu reflektieren und sich mit anderen Menschen darüber auszutauschen - ganz im Gegenteil! Aber ernsthafte psychische Probleme sehen erstens irgendwie anders aus, und zweitens hat Gesprächstherapie bei solchen nachgewiesenermaßen (mittlerweile erstellten Meta-Studien sei Dank!) bestenfalls einen Placebo-Effekt. Ich weiß, das gefällt uns allen nicht. Es wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein, wenn mit Gesprächen alles getan wäre. Aber es IST schlichtweg zu schön, um wahr zu sein. Da ändert auch alles Wunschdenken der Welt nichts dran. Yaloms Propaganda läuft also nicht einfach nur ins Leere, sondern ist sogar gefährlich, indem sie dem naiveren Leser suggeriert, Gesprächstherapie könne etwas leisten, was sie tatsächlich gar nicht kann.
2. Ähnliches gilt für die Therapie mit Hilfe von philosophischer Lektüre. Auch hier betreibt Yalom eine gewisse Propaganda, die mindestens ebenso gefährlich ist. Sie suggeriert nämlich, ernsthafte psychische Erkrankungen könnten dadurch geheilt werden, dass man sich ein bisschen in der Philosophie umschaut, das ein oder andere brauchbare Zitat rausgreift und es zur Lebensmaxime erhebt. Und wenn dann ein naiver Leser mit einer Zwangserkrankung etwa zu Schopenhauer greift, anstatt zu einem Fachmann zu gehen, tut sie ihre fatale Wirkung.

Noch einmal: Ich bin einer der größten Fans von Selbstreflexion, angewandter Philosophie und guten Gesprächen mit ehrlich-kritischen Feedbacks. Aber nur dann, wenn es um lebensweltliche Probleme (beispielsweise um die Einstellung zu anderen Menschen oder um Fragen der Lebensführung usw.) geht. Ein Problem habe ich nur dann, wenn so getan wird, als seien diese Methoden ein wirksames Heilmittel gegen wirkliche psychische Erkrankungen, und wenn dadurch tatsächlich Erkrankte davon abgehalten werden, sich von einem an aktuellster Forschung orientierten Fachmann behandeln zu lassen. Und genau das ist das Problem dieses Romans.




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[*] Verfasst am: 25-3-2012 um 22:08


Joey Goebel - Vincent




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[*] Verfasst am: 27-3-2012 um 09:27


Günter Grass - Die Blechtrommel

Es ist ein kleines Wagnis, eine Rezension zu diesem Buch zu schreiben. Oskar, die zentrale Figur des Romans, will und kann nur für sich selbst sprechen - oder besser: aus Trotz Wirklichkeit ertrommeln und Glas zersingen. (Ich möchte glauben, auch sein Erfinder Grass hatte Oskar auf Grund seiner fast magischen Eigendynamik irgendwann nicht mehr gänzlich im Griff.)
Deshalb nur ein paar Worte zur Wirkung:
Oskar zieht den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile in seinen Bann. Dieses mitunter liebenswürdige Miststück (der Ausdruck "Schelm" ist mir zu harmlos) besitzt eine Anziehungskraft wie kaum ein anderer Protagonist der Literaturgeschichte. In Form eines sprachlich-stilistischen Feuerwerks (oder besser: Trommelwirbels), vor allem durch den Einsatz kaum steigerbarer bissiger Ironie, entlarvt er die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis hin zum Biedermeier der Nachkriegszeit. Er, der kleinwüchsige Verweigerer und "geistig Zurückgebliebene", erweist sich dabei als einzig Gesunder in einer Welt der Lüge und des Verbrechens, was manchmal Belustigung, manchmal gellendes Entsetzen hervorzurufen vermag - meistens aber beides zugleich. Mit anderen Worten: Ein einziger Roman hat mich selten so sehr lachen und gleichzeitig zurückschrecken lassen. Oder mit den Worten Hans Mayers: "Mit Oskar Matzerath wird man so leicht nicht fertig. Der wird noch viele Leute auch in der Zukunft erheitern und erschrecken."
Viel Spaß, Freude, Ekel und Entsetzen beim Lesen!




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[*] Verfasst am: 6-4-2012 um 12:07


Lord George Gordon Byron - Manfred. A Dramatic Poem




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[*] Verfasst am: 7-4-2012 um 09:25


Ulrich Ott - Meditation für Skeptiker

"Ulrich Ott vermittelt auf nachvollziehbare und fundierte Art den neuesten Stand der Forschung und führt in fünf Schritten anschaulich in die Meditationspraxis ein", behauptet der Klappentext. Und das ist durchaus richtig, unterschlägt allerdings das Wesentliche dieses Buches: Die Tatsache, dass der Autor, der hauptberuflich die Effekte von Meditation auf Struktur und Funktion(en) des Gehirns untersucht, zeigt, dass Meditation weltanschaulich neutral (d.h. losgelöst aus jeglichem religiösen Kontext) erforscht und geübt werden kann. Damit steht er ganz in der begrüßenswerten Reihe derer, die jene Gebiete, die einst ausschließlich von religiösem und esoterischem Sumpf durchsetzt waren, endlich für die wissenschaftliche Erforschung und weltanschaulich neutrale Praxis fruchtbar machen (auch wenn er im Kapitel "Sein" einen kurzzeitigen, klitzekleinen, kaum merklichen Rückfall erleidet).
Das Buch gliedert sich vor diesem Hintergrund thematisch in einen theoretischen und einen Praxisteil.
Letzterer, der Meditation stets als ein Mittel zur Selbsterforschung und Selbstregulation versteht, beschreibt Übungen aus den Bereichen Körperhaltung, Atemachtsamkeit, Wahrnehmung von Körperempfindungen, Gefühlen und Gedanken, Kultivierung von Emotionen und "transzendente" Bewusstseinszustände. Dies geschieht in einer klaren und leicht nachvollziehbaren Sprache, sodass der Leser nach der Lektüre der jeweiligen Übung sofort mit dem Praktizieren und Experimentieren beginnen kann.
Der theoretische Teil stellt aktuelle Forschungsergebnisse aus der wissenschaftlichen Meditationsforschung vor und macht ansatzweise deutlich, welche Auswirkungen beispielsweise Achtsamkeitsmeditation auf die strukturelle und funktionale Architektur unseres Gehirns und damit auf unser Erleben haben kann. Hierbei zeigt sich zwar, dass die erst seit der Jahrtausendwende boomende Meditationsforschung noch in den Kinderschuhen steckt. Trotzdem dürften die Ausführungen durchaus weniger ansatzartig ausfallen. Zumindest den wissenschaftlich interessierten Leser stellt der Autor hiermit sicherlich nicht in ausreichendem Maße zufrieden. Andererseits bieten sowohl das Literaturverzeichnis als auch die Website zum Buch (Adresse findet sich im Buch) ausreichend Literaturhinweise und Links zu aktuellen Forschungsbeiträgen, sodass die etwas knappe Darstellung im Buch in gewisser Weise ausgeglichen wird.
Fazit: Erfahrene Meditierende und meditationswissenschaftlich Unterrichtete finden hier wenig Neues. Interessierte Einsteiger und Anfänger (sowohl in Sachen Praxis als auch in Sachen Theorie) dürfen dagegen bedenkenlos zugreifen.




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[*] Verfasst am: 8-4-2012 um 20:00


Albert Camus - Der Mythos des Sisyphos




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[*] Verfasst am: 11-4-2012 um 21:34


Anne Rice - Der Fürst der Finsternis (engl. Original "The Vampire Lestat")

Unterhaltungsliteratur, das ist es und das bleibt es. Natürlich gibts diese Trennung nur in der deutschen Literaturszene, aber dennoch bleibt es Unterhaltungsliteratur. Was heißt das? Das primäre Ziel der Lektüre ist Kurzweile, Spannung, bla und sonstige Emotion. Buch zu - Vergessen, nächstes.

Aber da ist etwas anders, an diesem Buch.
Der Inhalt ist schnell erzählt: Lestat ist ja vielen bekannt aus dem Film "Interview mit einem Vampir". Das Buch beschreibt seine Geschichte und endet in der Rahmenhandlung im Jahr 1985. Er kommt vom Land und will Theaterkarriere machen, doch - oh Schreck!! - ein alter, merkwürdiger Mann verfolgt ihn und lauert ihm auf. Zack! Ein bisschen Blutsaugen hier, furchtbare Sonne dort und sonst so?
Mir hat das Buch unheimlich gut gefallen, nicht weil es sprachlich sonderlich raffniert wäre, zumal dies ja auch nur ne schnöde Übersetzung ist. Auch nicht, weil ich Fan von Vampiren wäre oder weil Anne Rice wunderbare Sadomaso-Schwarten geschrieben hat, nein. Ich mag die Figur des Lestat, ebenso wie ich die aller anderen Figuren mag. Sie stellen Fragen. Noch bevor er den "Kuss" erhält, erleidet unser französisches Weichgemüt bitterliche Anfälle, weil ihm urplötzlich die Absurdität und Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz bewusst wird. Camus lässt grüßen. Nun wird aber diese, von der Endlichkeit des menschlichen Daseins tief erschütterte und sowieso viel zu nah am Wasser gebaute Heulsuse ein Vampir. Und da geht die Fragerei los. Wie geht man damit um, plötzlich töten zu müssen, um selbst zu überleben. Wie geht man mit seiner Monstrosität und der daraus folgenden Einsamkeit um? Vor allem, wenn man so weinerlich ist. Dazu kommen Fragen bezüglich des Zeitalters und der Gesellschaft, die mit anderen Figuren besprochen werden und dies zwar natürlich nicht in Form von elaboriert entwickelten Diskursen, sondern in lebendigen Dialogen, die immer die Persönlichkeiten wiederspiegeln und richtig tolle Ideen beinhalten. Natürlich bleibt die Frage nach "Gut" und "Böse" nicht aus, aber auch, was man überhaupt mit der Unsterblichkeit anfangen soll. Kurzer Vorgriff: Die wenigsten Vampire, so scheint es, sind überhaupt in der Lage, sich der neuen Situation anzupassen und suizidieren sich lange bevor sie überhaupt ein Leben normaler menschlicher Dauer hinter sich haben.

Ich kann das Buch wirklich empfehlen, wenn man bereit ist, sich auf ein bisschen emotionalen Kitsch einzlassen. Fantasy-Fans fällt der Zugang eh leichter. Bemerkenswert und darüber hinaus, in meinen bescheidenen Augen, wertvoll ist aber, dass an der Existenz des Vampires durchgekaut wird, was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein. Wie kann aus der Heulsuse der un-lebenslustige Vampir werden, der seine Existenz so mit Haut und Haaren genießt und ohne Skrupel töten kann? Worin besteht seine Moral, welche Werte kann so ein Wesen haben? Was treibt ihn an? Muss jemand mit übermenschlicher Macht und Potenz nicht in einem Nihilismus enden, der nur noch die eigene Lustbefriedigung kennt und sich nicht an Ordnungen oder Moral zu halten hat, da er ja sowieso unantastbar ist? Was ist zu tun in einer Welt, in der man selbst der "Böse" ist, aber trotzdem leben will und darum nicht mehr an traditionellen Gut-Böse-Vorstellungen festhalten kann? Sagen wir Ja oder Nein zu uns und der Welt?

Bei Gelegenheit zieh ich mir die Nachfolger auch noch rein. Das Buch hat für mich auch sehr viel mehr Substanz als des beispielsweise die "Elfen"-Bücher von Hennen haben. Natürlich sind Vergleiche schwierig, aber ich favorisiere eben die Fragen bezüglich der menschlichen Existenz und die lassen sich prima an Vampiren stellen.




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[*] Verfasst am: 12-4-2012 um 09:19


Wolf Singer - Ein neues Menschenbild? ~ Gespräche über Hirnforschung

Wie der Titel bereits andeutet, enthält das Büchlein auf rund 130 Seiten eine Reihe (elf an der Zahl) von um die Jahrtausendwende herum erschienenen populärwissenschaftlichen Interviews mit Wolf Singer, einem der führenden Hirnforscher weltweit. Die Inhalte der Gespräche gehen in erster Linie der Frage nach, ob und inwiefern die Ergebnisse der Hirnforschung Gesellschaft, Rechtssystem, Medizin, Pädagogik/Erziehung und nicht zuletzt unser Bild von uns selbst bereits verändert haben, im Moment verändern und wahrscheinlich noch weiter verändern werden. Es findet sich zum Abschluss aber auch ein sehr lesenswertes Streitgespräch zwischen Singer und Leo Montarda zur ethischen Dimension von Tierversuchen im Rahmen der Hirnforschung.
Die Interviews/Gespräche sind dabei immer nur so gut wie die gestellten Fragen (und der Platz, der der Beantwortung eingeräumt wird). Hier treten erwartungsgemäß erhebliche Qualitätsunterschiede auf. So ist beispielsweise das "Capital"-Gespräch eher oberflächlich, das Interview der Zeitschrift "Kunstforum International" dagegen wesentlich tiefgehender und differenzierter. Auch kommt es, über das gesamte Buch gesehen, fast notwendigerweise zu vielen Wiederholungen der Fragestellungen und damit auch der Antworten, was Autor und Verlag durch eine geschicktere Auswahl der Beiträge besser vermieden hätten.
Alles in allem ein nicht völlig unlesenswerter Band, allerdings auch kein besonders großer Wurf. Darüber hinaus ist der Preis mit 9,- € eindeutig zu hoch. Denn nicht nur einige der hier enthaltenen Beiträge sind im Netz frei verfügbar, sondern natürlich auch Informationen zu Wolf Singers Forschungen.




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[*] Verfasst am: 14-4-2012 um 13:31


Paulo Coelho - Der Dämon und Fräulein Prym




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[*] Verfasst am: 19-4-2012 um 18:23


Friedrich Nietzsche - Die fröhliche Wissenschaft




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[*] Verfasst am: 24-4-2012 um 20:23


Leonard Cohen - Das Lieblingsspiel




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[*] Verfasst am: 5-6-2012 um 21:33


Alfred Döblin - Berlin Alexanderplatz

Das erste Wort muss der Ausgabe gewidmet werden: DTV 200x, unzähligste Auflage, ist auch wurscht. Da steht nichts zur Erstveröffentlichung des Werkes, da sind irgendwelche Siglen drinne, die zwar von der Bedeutung her erklärt werden, aber nicht, warum die eingesetzt werden. Dazu siehe man auf S. 471 nach. Das Buch hat aber nur 460 Seiten. Was soll das denn bitte? Kommt mal klar. Dass da weder Vor- noch Nachwort bei ist, okay. Aber ein gewisser Grundstandard sollte doch bei dtv erwartet werden können. :thumbdown:

Nun aber zum eigentlichen Werk: Ziemlich klein gedruckt, 454 Seiten stark, Erstveröffentlichung 1929. Erzählt wird von Berlin, dem Leben in der Großstadt in erkennbar expressionistischer Manier. Besonders reizend: Ein Absatz beschreibt komplett die Verdauungsprozesse eines Mannes, der gerade 1,5 kg Nahrung zu sich genommen hat.
Aber natürlich gibt's auch Figuren um den Protagonisten Biberkopf. Der will noch was vom Leben, der will sich durchbeißen in der Welt, die Berlin und die Großstadt ist. Das gelingt ihm mal gut und mal schlecht, doch ist prinzipiell ein Pfosten und sieht nicht, was um ihn herum geschieht. Er muss sehr weit gehen, um das zu sehen: 454 kleingedruckte Seiten.

Döblin lästerte einst über Hesse und dessen Langweiligkeit. Ja, dem kann man zustimmen, wenn man "Berlin Alexanderplatz" gelesen hat. Die Sprache ist ungewöhnlich. Die Figuren denken und sprechen Dialekt. Der Erzähler, der sich manchmal höchst sympathisch einschaltet, schreibt Standarddeutsch. Der Stil ist packend: Zwischen Bewusstseinsströmen, erlebter und direkter Rede finden sich immer wieder Anspielungen, die vor allem christlichen Bezug haben. Döblin konvertierte ja später zum Katholizismus, aber die Verweise in diesem Buch wollen keine christliche Moralkeule in Maskerade sein, nein, sie nutzen lediglich die bekannten Motive zur Illustration, eine Art Metaebene der Erzählung, z. B. Babylon, Abraham und Christus. Die Wirkung ist berauschend. Mal ist man ganz tief drin - in den Berliner Kneipen, auf den Straßen und in den Schlachthöfen. Dann aber sieht man alles von oben, kann die Ereignisse und Handlungen im größeren Kontext sehen. Biberkopf ist ein Dussel vor dem Hernn, besser gesagt: Vor der Hure Babylon. Aber er ruft nicht nur Hohn hervor: Mit Leibeskräften will er sein Schicksal ertragen, mit Muskelkraft will er sich gegen Schmerz und Leid wehren und es auf sich nehmen. Schließlich aber vergießt er bittere Tränen. Handlung und Sprache hängen dabei ganz eng miteinander zusammen. Das Ende selbst erinnert in seiner Spiritualität dann doch ein wenig an Hesse, kann aber mit dessen tiefem Gehalt nicht mithalten. Wer den Steppenwolf gelesen hat, weiß was ich meine. Persönlich kam ich aber doch sehr gut damit klar, war glücklich, dass das relativ deutlich zu fassen ist. Es geht auch nicht darum, tiefste geistige Weisheiten zu vermitteln. Entscheidend ist, und das Buch nimmt sich genügend Platz dafür (454 kleingedruckte Seiten), dass der Weg, die Entscheidungen, Handlungen und Haltungen erkennbar werden. Es geht um den Weg, nicht um das Ziel. Dabei vermeidet Döblin am Ende die Strenge, das bittere Maß an Schwermut, das doch beim erwähnten Zeitgenossen des Öfteren zu finden ist. Da die "Moral von der Geschichte" auch nicht besonders innovativ ist, aus heutiger Sicht (damals, kurz vor der Machtergreifung war das aber ganz anders!!), könnte man dem Buch auch Oberflächlichkeit oder Plattitüden unterstellen. Ansichtssache, ich fands gut, weil plausibel und nachvollziehbar.
Mal heiter, immer packend und sehr menschlich ist das Ding geworden. So dumpf wie das Buch zuweilen erscheinen mag, ist es nie. Wer Spaß an sprachlicher und intertextueller Kreativität hat und menschliche Handlungen begeisternd findet, wird seine rechte Freude haben. Hatte das Buch in fünf Tagen durch. Und es war schade, dass es vorbei war.

Döblin selbst gilt ja, laut Wiki (also muss es wohl stimmen), als fast vergessen. Das Buch hier ist natürlich ein Klassiker. Ob Döblin aber zurecht so wenig beachtet wird, werde ich bald sagen können, dann nämlich lese "Manas", ein expressionistisches Versepos.




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[*] Verfasst am: 18-6-2012 um 08:53


Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Im plötzlich aufleuchtenden Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit verlässt Raimund Gregorius, Lehrer für alte Sprachen, mitten im Unterricht seine Klasse. In einer Buchhandlung entdeckt er ein altes Buch mit Reflexionen und Selbstbetrachtungen eines portugiesischen Autors, das ihn sofort in seinen Bann zu ziehen vermag. Gregorius beschließt, der Spur des Menschen hinter dem Buch zu folgen, und macht sich, alles hinter sich lassend, in einer Nacht- und Nebelaktion auf den Weg nach Lissabon ...
Was sich anfangs anhört wie eine Geschichte über Selbstwerdung im Sinne vieler Werke Hermann Hesses, entpuppt sich mit fortschreitender Lesezeit mehr und mehr als eine Verzettelung und ein Sich-Verlieren in der Lebensgeschichte von Amadeu de Prado, dem portugiesischen Autor. Dieser verdrängt Gregorius, die eigentliche Hauptperson, und seine versuchte Selbstwerdung fast vollkommen aus dem Fokus der Aufmerksamkeit.
Da muss die Frage berechtigt sein, warum Mercier nicht gleich Lebensgeschichte und Gedankenwelt von de Prado - gänzlich ohne den zur bloßen Randfigur verkümmernden Gregorius - darstellt. Denn eines ist klar: Amadeu de Prados Buch im Buch ist ein Feuerwerk an grundehrlichen, hochintelligenten und oftmals provozierenden Reflexionen und (Selbst)beobachtungen, die es durchaus mit denen eines Montaigne oder Nietzsche aufnehmen können.
Alles in allem also ein Buch, in dem die Haupthandlung schnell in die Belanglosigkeit abdriftet, in dem das Buch im Buch dafür aber uneingeschränkt lesens- und nachdenkenswert ist!

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Stephan Bodian - Meditation für Dummies

Stephan Bodians umfassende Einführung in die Welt der Meditation ist ein durchaus zwiespältiges Werk. Einerseits beinhaltet es eine Fülle an Meditationstechniken und -praktiken, die jedem Leser mit "experimenteller Natur" das Herz aufgehen lässt. Andererseits ist es von vorne bis hinten mit religiös-esoterischem Irrsinn durchsetzt. So scheut sich der Autor beispielsweise nicht, die Entwicklung von telekinetischen und hellseherischen Fähigkeiten als mögliche Folgen der Meditationspraxis anzupreisen - von dem ständigen Gerede über Chakren, kosmische Energien, das Göttliche, Engel, spirituelle Wesen, das wahre Selbst, die ultimative Wahrheit und dergleichen ganz abgesehen. Dazu kommt dann auch noch die bei Esoterikern immer wieder anzutreffende Doppelmoral in Sachen Wissenschaft: Kann die Wissenschaft, die alle diese aus reinem Wunschdenken geborenen "Dinge" wie wohlwollende Energien usw. (indirekt) leugnet - und deshalb nichts als böse ist! -, positive physiologische oder psychologische Wirkungen der jeweiligen Praktiken (die bei Meditation in Form von Stressreduktion, Aufmerksamkeitssteigerung usw. zweifelsohne vorhanden sind) nachweisen, wird sie dann auf einmal doch als Gewährsmann herangezogen. Intellektuelle Unredlichkeit in Reinkultur!
Wer also seine selbstbetrügerischen Illusionen und sein Wunschdenken aufgeben (bzw. erst gar nicht damit anfangen), nicht belogen werden und seine eigenen meditativen Erlebnisse im Sinne einer ehrlichen und echten Selbsterforschung nicht durch einen vorgefertigten und von außen aufgesetzten Filter erfahren möchte, der macht besser einen weiten Bogen um dieses Buch und greift zu Ulrich Otts Werk "Meditation für Skeptiker". Wer sich allerdings eine gewisse ironische Distanz zu esoterischem Blödsinn bewahren kann, den erwartet - und das sei noch einmal ausdrücklich betont! - ein überragendes Praxis-Handbuch, das (in dieser Hinsicht) seinesgleichen sucht!




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[*] Verfasst am: 18-7-2012 um 10:05


Rüdiger Schmidt & Cord Spreckelsen - Nietzsche für Anfänger ~ Also sprach Zarathustra ~ Eine Lese-Einführung

"Dieses Buch ist ein Angebot, sich mit zwei erfahrenen Lesern auf den nicht ganz unbeschwerlichen Weg zu machen, Schritt für Schritt mit der diesem radikalen Philosophen eigenen Sprache vertraut zu werden, um am Ende gerüstet zu sein, den ganzen Text selbst mit Vergnügen und Gewinn anzupacken", lautet die Ankündigung auf Seite 2.
In struktureller Hinsicht ist es den Autoren durchaus gelungen, dem Leser eine brauchbare Einführung in Nietzsches Hauptwerk an die Hand zu geben. Sie versuchen nämlich nicht nur, die verschiedenen Facetten Zarathustras, seine Entwicklungsgeschichte, Personen, denen er begegnet, Situationen, die er durchlebt, erläuternd nachzuzeichnen; sondern es finden darüber hinaus auch Themen wie Entstehungs- und Editionsgeschichte, Komposition und sprachliche Besonderheiten des Werks Berücksichtigung.
In inhaltlicher Hinsicht dagegen komme ich nicht umhin, das Büchlein als bestenfalls oberflächlich zu bezeichnen: Viele Punkte sind schlichtweg nicht ausführlich genug behandelt; an unzähligen Stellen greifen die Autoren zu langen Originalzitaten, ohne in der darauffolgenden "Erläuterung" weiterführende und fruchtbare Informationen oder Erklärungsansätze zu liefern, sodass an ebendiesen Stellen die Frage aufgeworfen wird, warum man den "Zarathustra" nicht eigentlich gleich und ohne diese Einführung lesen sollte.
Alles in allem ein bestenfalls für "blutige Anfänger", die nach einer allerersten Orientierung suchen, empfehlenswertes Büchlein. Fortgeschrittenere Nietzsche- und Zarathustra-Kenner dagegen dürfen diese Einführung getrost links liegen lassen.




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Hermann Hesse - Musik des Einsamen

"Das lyrische Werk Hermann Hesses steht gleichwertig neben seinen großen Romanen", behauptet der Klappentext. "Nein, das tut es nicht", behaupte ich. Hesse ist - und da kann er selbst zu stehen, wie er will - der mit Abstand bessere Erzähler. Das bedeutet aber nicht, dass seine Lyrik den nationalen oder internationalen Vergleich scheuen müsste. Es bedeutet nur, dass man auf diesem Planeten nicht sonderlich viele Erzählungen finden dürfte, die an diejenigen Hesses heranreichen - und genau das gilt für seine Lyrik nicht.
Die rund 60 Gedichte des Bändchens "Musik des Einsamen" bewegen sich thematisch hauptsächlich zwischen den für Hesse typischen Extremen: Optimismus - Pessimismus, Sehnsucht nach verlorener Jugend - Fluch aufs Alter, Lebensbejahung - Lebensverneinung, Genuss - Leid, Versuch der sozialen Integration - Abkehr vom Gemeinwesen und Gang in die Einsamkeit usw., wobei die "dunkle Seite" - insgesamt gesehen - deutlich überwiegt. Die "Musik des Einsamen" zeigt also einen eher traurigen und resignierenden Hesse. Manche wenige Gedichte - und diese sind mir die liebsten - sprühen dagegen nur so vor Lebensfreunde und Kraft.
Alles in allem findet man in jedem Gedicht einen vollkommen authentischen Autor vor und kann erahnen, wie sehr dieser immer und immer wieder zwischen den Polen wanderte, wandern musste - stets auf der Suche nach Balance.
[Bevor sich jetzt aber jemand die "Musik des Einsamen" (Neupreis 4,95 €) zulegen möchte, verweise ich auf die zwar etwas teurere, dafür aber alle Gedichte Hesses enthaltende Gesamtausgabe (erschienen bei Insel bzw. Suhrkamp).]




Wenn man frei mich wählen ließe,
wählt' ich gern ein Plätzchen mir
mitten drin im Paradiese:
gerner noch - vor seiner Tür!
- Nietzsche -
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Evilgod
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[*] Verfasst am: 31-8-2012 um 14:42


Alfred Döblin - Manas

Epische Dichtung. So lautet der Untertitel. Wer aber einen Blankvers erwartet, Reime oder sonstiges Geschwulst - der kann einpacken. Döblin verachtete Lyrik - Schönrednerei und falscher Prunk. Nicht mit ihm! Die Verse unterliegen keinem strengen System, erschaffen dadurch aber einen wuchtigen Stil. Kopfkino läuft auch Hochtouren, da sehr emotional gearbeitet wird und die Syntax durch die Verse total verändert wird. Oft liegt nicht mal eine grammatisch korrekte Syntax vor ("Puto lippenfühlt, mundfühlt, brustfühlt"). Wie schon im Alexanderplatz (eigentlich ja andersrum, der Manas erschein viele Jahre zuvor), erkennt man auch in den Versen den typischen Stil Döblins, der sehr nah an der Natur ist, dabei auch vor Sex, Gewalt, Tod und sonstigen, von der Literatur meist ignorierten Themen, nicht Halt macht. Dazu gibt's hier viele Onomatopoetika, die eine eigentümliche Atmosphäre schaffen. So viel zum Stil. Wem's gefällt - bitte. Wenn man sich drauf einlassen kann, zündet es total.
Inhaltlich passiert ne ganze Menge. Drei Teile sinds ingesamt, die alle doch sehr von einander abweichen, was Inhalt und "Feeling" angeht. Grundthema des Epos ist die Frage nach dem Sinn des Todes und des Leids im menschlichen Leben, die durch den Protagonisten Manas gestellt wird. Wer jetzt an die Absurdität im Camus'schen Sinne denkt, liegt richtig. Allerdings ist das Resultat ein ganz anderes. Zahlreiche metaphysische Proben müssen bestanden werden, sogar Kämpfe mit Göttern liefert sich Manas. Fand ich superklasse, wie er voller Zorn auf Ganesha losgeht und sich auf Gedeih und Verderb niemals in Angst oder Verehrung unterwirft. Die Frage nach dem Sinn des Leids erfährt in diesem Epos eine Umwertung. In diesem Sinne geht Döblin tatsächlich weiter als Camus, denn die Frage nach dem Selbst, nach der eigenen Identität ergibt sich daraus. Manas wird zum Übermenschen. Wer jetzt an Nietzsche denkt, liegt wieder richtig. Er stellt sich dem mächtigen Schiwa im Kampf, dem er sich einerseits nie unterwerfen oder gar demütigen will, ihn aber innig liebt.
Schwierig ist das Ganze schon, aber gleichzeitig enorm anregend. Geistig. Vögelei gibt's zwar auch, ist aber dem Thema entsprechend symbolisch aufgeladen, wodurch der Akt selbst aber wiederum "Hardcore"-Tendenzen enthält. Wer sowas vertiefen will, sollte eher zum #1 Bestseller: 50 Shades of Grey greifen. Ähm, aber zurück: Den Manas zu lesen, fand ich persönlich sehr inspirierend: Urgewaltige Kraft, tiefe, pure Menschlichkeit (NICHT im Sinne irgendeines Humanismus), nette phantastische Elemente (Schiwa, Ganesha), Mystizismus, Leidenschaft, kein Pathos, das nicht genommen wird und eine passende sprachliche Gestaltung. Man muss sich Zeit lassen, das Ding muss reifen.
Von der Literaturwissenschaft wurde das Werk fast vollständig ignoriert. Schade eigentlich, wenn man das Sujet bedenkt und die Form, die sich durchaus im Dunstkreis moderner Epik sieht, wie sie beispielsweise Freund Nietzsche produziert hat. Passagenweise liefert das Machwerk Phrasen für die Ewigkeit.




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